Wenn der Abend aller Tage kommt
Lauenburgische Landeszeitung vom 19. November 2010 – eine Reportage von Peggy Hesse-Sommer

"Die Schwestern sind wie Engel, die ihre Flügel ausbreiten, und ich lege mich darauf."
Sterben als Teil des Lebens - Ein Besuch im Hospiz Auxilium.



Du kommst jetzt in die Reha! Manchmal muss eine Notlüge herhalten. Weil sie das Unfassbare selbst nicht ertragen. Oder weil sie es nicht übers Herz bringen, ihren sterbenskranken Angehörigen die Wahrheit zu sagen. Dann liegt es an den Mitarbeitern des Hospizes, mit dem Betroffenen zu reden. Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind hier ein wichtiges Thema. "Die Menschen merken, wenn man ihnen etwas vormacht", sagt Sabine Willers (47), Sterbeamme im Hospiz auxilium. Also spricht sie mit ihnen darüber, dass ihre Zeit begrenzt ist. Die Wahrheit ist für viele ein Schock. Hospiz! Das ist die Endstation. Hier kommt man nur tot wieder raus!

"Ich sage immer, das Hospiz ist ein Haus des Lebens. Es wird hier zwar gestorben, aber Sterben ist Teil des Lebens. Und es gibt immer Menschen, die wieder nach Hause gehen, weil sie sich erholt haben oder weil ein kleines Wunder geschehen ist." Die Sterbeamme erinnert sich an so ein Wunder. An eine ältere Frau, die in sehr schlechter Verfassung war, als sie aus dem Krankenhaus ins Hospiz kam. Aber sie war von dem Wunsch beseelt, in zwei Monaten mit ihrer Tochter nach Dänemark zu fahren. Im Hospiz kämpfte sie sich wieder hoch, erholte sich so gut, dass sie entlassen werden konnte. Sie fuhr mit ihrer Familie nach Dänemark. Und starb wenig später zu Hause.

Ein starker Wille versetzt Berge. Ursula Geitner hat er schon zweimal geholfen, wieder aus dem Hospiz zu kommen. Vor fast vier Jahren erkrankte die pensionierte Bibliothekarin an Brustkrebs und später auch an Knochenkrebs. "Harter Krebs, harte Chemo, hieß es damals. Daran wäre ich fast gestorben", sagt die 69-Jährige. Sie vertrug die Chemotherapie nicht, wurde in letzter Minute gerettet. "Als ich wieder nach Hause kam, konnte ich gar nichts mehr, brauchte rundum Pflege." Dann reichte auch das nicht mehr. Ursula Geitner wurde im St. Marianus Hospiz in Bardowick aufgenommen. Dass das ihre letzte Station sein könnte, hat sie nie akzeptiert. Ihre Wohnung mit den alten Möbeln, die sie so liebt, weil sie Geschichten erzählen, hat sie nie aufgegeben. Auch nicht, als sie zum zweiten Mal in das Hospiz kam. Jetzt sollte sie eigentlich zur Kur in Bad Bevensen sein. Aber ihr Schutzengel - "ich habe immer irgendwo in einer Ecke einen sitzen" - war abgelenkt. Der Koffer stand schon parat, die Wäsche war gebügelt. Da brach sie nachts in einer Art Schockzustand zusammen, fiel mit dem Kopf auf die Heizung, erlitt einen Magendurchbruch. Sie erwachte in einer Blutlache. Es dauerte vier Stunden, bis es ihr gelang, sich am Bett hochzuziehen und Hilfe zu rufen. Sie wurde operiert, kam danach aber nicht wieder auf die Beine. "Allein in meiner Wohnung wäre ich nicht zurecht gekommen." Wieder führt der Weg der sympathischen, schwer kranken Frau mit dem großen Überlebenswillen ins Hospiz. Weil in Bardowick kein Platz frei war, kam sie vor 14 Tagen nach Geesthacht. "Hier wird man fast getragen", sagt Ursula Geitner. "Die Schwestern sind wie Engel, die ihre Flügel ausbreiten, und ich lege mich darauf." Die 69-Jährige hat kaum noch Schmerzen. "Und endlich wieder Appetit!" Damit kehrte auch ihr Lebensmut zurück. Nächstes Wochenende will sie mit einem Taxi unbedingt in ihre Wohnung fahren. "Ich sehne mich nach meinem Zuhause. Da ist es so schön. Ich möchte mal wieder die Sachen anfassen, die mir gehören, einfach nur da sein." Ins Hospiz hat die ehemalige Bibliothekarin fast nichts Persönliches mitgenommen. Nur ihr Kuschelkissen, einen weißen Teddy und ein kleines gerahmtes Foto ihres verstorbenen Mannes. "Warum soll ich mich hier einrichten?" Dass hier diesmal ihre letzte Station sein könnte, glaubt sie auf keinen Fall. Und fügt nach kurzer Pause hinzu: "Wenn doch, dann hat das auch seinen Sinn..."

Auxilium heißt Beistand. Den brauchen die Gäste, wie hier die Patienten heißen, weil Hospiz von Herberge kommt, rund um die Uhr. Vor allem medizinische Versorgung und Pflege, aber auch Zeit für Gespräche. Aber nicht jeder möchte über den Tod reden. Wer im Leben offen für viele Sachen war, wird seine letzte Lebensphase meist auch in großer Offenheit begehen, sagt Sterbeamme Sabine Willers. Und wer immer verdrängt und Dinge nicht angesehen hat, der wird auch dieses Thema bis zum letzten Tag verdrängen.

Trost: Den weißen Bären und das Kuschelkissen nimmt die schwerkranke Ursua Geitner überall mit hin. Hilft der Glaube beim Sterben? Nicht unbedingt. Wer sein Leben lang gläubig und religiös war, stirbt nicht leichter. Mancher fängt in dieser unbegreiflich schwierigen Situation an zu hadern, fragt: Wo ist der Gott jetzt? Und wendet sich ab. Umgekehrt gibt es Menschen, die nie etwas mit Kirche im Sinn hatten und nun darum bitten, mit einem Seelsorger zu sprechen.

Immer wieder macht Sabine Willers die Erfahrung, wie sehr ungeklärte Familienverhältnisse Menschen angesichts ihres Todes belasten können. Manchmal kann sie dabei helfen "die Schubladen aufzuräumen". Sie stellt Kontakt her zu Bruder oder Tochter, mit denen nach einem Streit oft seit Jahren kein Wort mehr gewechselt wurde. Welche Energie so ein Wiedersehen freisetzen kann, aber auch welchen Frieden es für alle bringen kann, hat die Sterbeamme selbst miterlebt bei einem 65-jährigen Mann, der hier im Sterben lag. Seit Jahren hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie. Irgendwie bekam seine Tochter heraus, dass er im Hospiz lag. Eines Abends rief sie an. Sie erfuhr, dass es sehr schlecht aussieht und ihr Vater die Nacht wohl nicht überleben werde. Aber sie konnte erst am nächsten Morgen da sein. Sie bat darum, ihrem Vater auszurichten, dass sie komme. Niemand wusste, ob der bewusstlose Mann die Nachricht aufgenommen hatte. Aber er überlebte die Nacht, war am Morgen wieder wacher. Er hielt noch fünf Tage durch, was niemand für möglich gehalten hätte. Er lernte seine Enkelkinder kennen. Vater und Tochter sprachen sich aus. Bevor der 65-Jährige starb, erlebte die Familie noch schöne, traurige, emotionale Tage miteinander.

Wer im Hospiz arbeitet, merkt, wenn ein Mensch im Sterben liegt. Es gibt deutliche körperliche Anzeichen. "Und man ist in der letzten Sterbephase nicht mehr so ganz da. Nicht wie im Koma, aber so ein bisschen wie zwischen den Welten", sagt Sabine Willers. Dann werden als erstes die Angehörigen informiert. Nicht jeder kommt dann. Mancher glaubt, das nicht zu ertragen. Andere waren gerade erst zu Besuch da und wollen die Ehefrau, Vater oder Bruder so in Erinnerung behalten.

Im Hospiz stirbt niemand heimlich. Hier darf gestorben werden und alle bekommen es mit. Dann wird die Kerze am Empfang angezündet und das Türschild mit dem Namen des Verstorbenen daneben gestellt. Jeder bekommt eine Seite in einem Erinnerungsbuch. Darunter können Angehörige Persönliches schreiben. Viele Seiten sind weiß geblieben. Auf anderen steht dicht gedrängt Liebevolles: "Liebe Omi, ich hätte so gern noch so vieles mit dir erlebt. Du fehlst uns sehr, aber in unseren Herzen lebst du weiter. " Und oft auch ein Dank an das Hospiz: "Hier endlich konnte sie sich entspannen, ihren Kampf aufgeben und loslassen."

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