Mit Lachen und Liebe zum Lebensende
Lauenburgische Landeszeitung vom 3. August 2010 – eine Reportage von Kim Nadine Meyer

Als der Arzt von Margitta Rietmüller seiner Patientin sagte, dass er sie in ein Hospiz überweisen wolle, hörte sie eine Woche lang nicht auf zu weinen, verlor sogar irgendwann das Zeitgefühl. „Ich wusste nicht mehr, welcher Wochentag überhaupt ist“.


Mit Lachen und Liebe zum Lebensende
Foto: Kim Nadine Meyer
Margitta Rietmüller (66) aus Barsbüttel und Hospiz-Schwester Katrin Batke
(31) sprechen oft miteinander. Die schwer kranke Frau fühlt sich an der
Schillerstraße geborgen: „Mir werden hier so viele liebe Gesten, Engelsgeduld
und Herzlichkeit entgegengebracht“, sagt sie.

Hospiz – das war für sie die Endstation, gleichbedeutend mit dem Tod. Das war im März diesen Jahres. Seit etwa fünf Monaten lebt die 66-jährige schwer krebskranke Frau jetzt im Geesthachter Auxilium Hospiz an der Schillerstraße 33. Wenn sie zurückblickt schüttelt sie den Kopf. „Ich war so skeptisch und misstrauisch. Aber nun ist dieser Ort hier mein Zuhause. Ich fühle mich geborgen, gut versorgt und komme zur Ruhe.“

Margitta Rietmüller ist eine von 12 Gästen in der Geesthachter Einrichtung. Sie werden von 19 Schwestern, die sich Früh-, Spät- und Nachtschicht teilen, und von ehrenamtlichen Helfern betreut. Der Umgang ist persönlich, fast freundschaftlich. Anders als etwa in Pflegeheimen gibt es keinen stringenten Tagesrhythmus. Jeder kann solange schlafen, wie er möchte. Beim Essen werden täglich Wünsche aufgenommen und die Zimmer können individuell gestaltet werden. Kleine Schiefertafeln an der Tür tragen den Namen des Zimmerbewohners. „Dieser Ort soll für Menschen das letzte Zuhause sein“, sagt Sabine Willers (47), Sterbe- und Trauerbegleiterin im Hospiz. Sie und ihre Kollegin Schwester Katrin Batke (31) haben schon viele Gäste am Ende des Lebens begleitet, körperliche Schmerzen mit Morphium gelindert und seelische durch lange Gespräche. „Auch wir weinen, wenn jemand stirbt. Das ist doch menschlich“, sagt Katrin Batke. Allerdings sei wichtig, dass keine Schwester dauerhaft traurig ist. Dann sei der Job nicht das Richtige. In Supervisionen und Teamgesprächen haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten. Das ist nicht immer leicht. „Wir hatten mal eine junge Mutter mit Säugling hier. Sie war im Begriff zu sterben und musste das Kind zurücklassen. Das war sehr traurig“, erinnert sich Batke. Schön sei es hingegen, wenn zwei Menschen heiraten oder sich jemand doch noch mal wieder erholt. „Auch das kommt vor“, sagt Willers.

Auch bei Margitta Rietmüller haben die Ärzte nicht damit gerechnet, das sie solange durchhält. „Ich bin ein medizinisches Phänomen“, sagt die Rentnerin, die wie 95 Prozent der Hospiz-Gäste schwere Tumoren hat. Aufgrund von Darmverschlüssen leidet sie zuweilen unter höllischen Schmerzen. Doch trotz acht Jahren Kampf mit zahlreichen OPs und Chemotherapien hat sie ihr Lebensmut nie verlassen. „Ich schimpfe wie ein Marktweib mit dem Krebs und sage ihm: ‚So wichtig bist du überhaupt nicht.’“ Schwäche zeigen ist für Margitta Rietmüller tabu. Sie lässt sich nicht gehen. Ein modernes geringeltes T-Shirt, goldene Ohrringe mit einer Perle und die Haare ordentlich frisiert sitzt sie auf ihrem Bett. Einzig ein Schlauch, der unter dem T-Shirt hervorkommt, ist ein Zeichen dafür, dass der Körper nicht mehr mitspielt. Der Geist allerdings ist wach, stark, stolz und kämpferisch, wie eh und je. Ihr Mann, den sie liebevoll „Bernie, meine bessere Hälfte“ nennt, ist da zuweilen überfordert. Einmal wollte er sie schonen, daher nicht mit ihr rausgehen. Doch die Seniorin wollte alles tun, was ihre Kräfte noch zuließen. „Irgendwann habe ich meine Schuhe angezogen und zu Bernie gesagt: ‚Kommst du jetzt mit, oder muss ich allein gehen?’“

Natürlich ist Bernhard Rietmüller mitgekommen, wie damals vor etwa 50 Jahren, als die beiden sich kennenlernten und der 26-Jährige die 17-Jährige vom Tanzen nach Hause bringen wollte. Eigentlich habe sie ihn gebracht, meint die Seniorin „Der war so angetüddert, dass ich ihn halbwegs durchs Dorf schleppen musste.“ Gerade diese Stärke ist es, die der Frau heute die Akzeptanz einer Krankheit, an der sie eines Tages sterben wird, erschwert. „Der Glaube an Gott hilft mir und der Realismus. Jeder muss einmal sterben und ich hatte ein tolles Leben“, sagt sie und lächelt. Wenn es so weit, ist würde sie am liebsten einfach einschlafen. Und bei der Beerdigung soll es „keinen großen Zirkus“ geben, nur der engste Familienkreis soll kommen. Dann wenn der Kampfgeist von Margitta Rietmüller doch erloschen ist, und – so ist sie überzeugt – ein Leben nach dem Tod auf sie wartet.

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